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Bundeszentrum Weidetiere & Wolf

Weidetierarten im Porträt: Ziege

Weidetierarten im Porträt: Ziege

Ziegen

Ziegen gehören zur Familie der Capridae, sie sind Pflanzenfresser. Als Wiederkäuer verfügen sie über ein komplexes Verdauungssystem, dessen Magen aus vier Kammern besteht. Aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Körpergröße werden sie, genauso wie Schafe, als kleine Wiederkäuer bezeichnet. Ziegen werden traditionell als Weidetiere eingesetzt, denn sie sind in der Lage unterschiedlichste Grünlandpflanzen und auch rohfaserreiche Nebenprodukte des Ackerbaus zu verwerten. Die meisten Ziegen werden in Bayern und Baden-Württemberg gehalten, was etwa 47% des Gesamtziegenbestands Deutschland entspricht. Über 60 % aller in Deutschland gehaltenen Ziegen sind weiblich und gleichzeitig Zuchttiere.

 

Anatomische Besonderheiten und Fressverhalten

Ziegen haben ein kleines Maul mit schmaler Schnauze und eine gespaltene, bewegliche Oberlippe. Damit ist es ihnen möglich, bestimmte Pflanzenteile des Grünlands und insbesondere Blätter, Blüten oder Früchte gezielt auszuwählen und aufzunehmen. Dank spezieller Enzyme im Speichel der Ziege sind auch tanninhaltige Futterteile, wie junge Gehölztriebe und Rinde, für sie gut verträglich. Das Verdauungssystem der Ziege ähnelt dem anderer Wiederkäuer. Dabei ist die Kapazität von Pansen und Netzmagen, im Verhältnis zum gesamten Magen bei Ziegen größer als bei Schafen oder Rindern. So bestehen bei Ziegen 85 % des Magensystems aus Pansen und Netzmagen, bei Schafen sind es 73 % und bei Rindern 64%. Bedingt dadurch sind Ziegen im Vergleich zu Schafen und vor allem zu Rindern besser in der Lage, eher minderwertiges Raufutter zu verdauen und zu verwerten. Förderlich hierfür könnte ebenfalls sein, dass Ziegen ihr Futter kleiner kauen und länger wiederkäuen als andere Wiederkäuer.

Der ursprüngliche Lebensraum des Wildtiers Ziege sind die Gebirgssteillagen an oder oberhalb der Baumgrenze. Jahreszeitlich bedingt schwankt hier das Angebot an nahrhaften Pflanzen und die verfügbare Pflanzenmenge stark. An diesen Lebensraum mit rauen klimatischen Bedingungen und einer Vegetation, die von eher niedrigen Bäumen und Büschen geprägt ist, ist die Ziege ideal angepasst. Sie ist schwindelfrei und trittsicher im Hochgebirge, sie widersteht kalten Nächten und der Hitze in heißen Sommermonaten.

Ziegen haben sich zu genügsamen Mischfressern entwickelt, die neben Gräsern und Kräutern auch andere Pflanzen, wie Gehölze und deren Rinde, junge Triebe sowie Blätter, verwerten. Dabei weisen sie in ihrem Fressverhalten ein hohes Selektionsvermögen auf. Ihre kleinen Mäuler und ihre gespaltenen Oberlippen helfen, das für sie nahrhafteste verfügbare Futter auszuwählen. Sind diese nahrhaften Pflanzenteile höher gelegen, beispielsweise Zweige oder Laub, stellen sich Ziegen – anders als andere Weidetiere – auf die Hinterbeine, um an das Futter zu gelangen.

Gras fressen Ziegen ungern bis zum Boden ab. Zu einmal abgefressenen, nachwachsenden Pflanzenbüscheln kehren sie in der Regel nicht zurück. An fast allen Pflanzen wird genascht und nur sehr wenige Pflanzenarten werden von ihnen gemieden. Dabei können Ziegen auf ihrer Nahrungssuche ein großes Gebiet abdecken, sie haben einen hohen Bewegungsdrang. Als Pflanzenfresser wählen Ziegen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, über 60 % ihrer täglichen Nahrung aus Gestrüpp und holzigen Stauden. Die Rinde von Bäumen schälen sie ab. Aufgrund ihrer Verdauungsbiologie zeigen Ziegen Toleranz gegenüber bitteren oder gerbstoffreichen Stoffen.

Ihre Fähigkeit, ein breiteres Futterartenspektrum als andere Wiederkäuer zu verwerten, macht sie so anpassungsfähig. Ziegen sind in der Lage, auch in extrem unwirtlichen Umgebungen zu überleben und sogar zu gedeihen. Diese Anpassungsfähigkeit von Ziegen an unterschiedliche Umwelt- und Klimabedingungen ist der Grund für ihre weltweite Verbreitung.

Ziegen im Einsatz als Weidetiere

Ziegen sind Herdentiere, in der Regel fressen sie gemeinsam in Gruppen. Ziegenherden, auch im Mischbestand mit Schafen, werden immer öfter zur zielgerichteten erhaltenden Landschaftspflege eingesetzt. Ziegen können einen hohen Anteil ihres Futterbedarfs mit Blättern, jungen Gehölztrieben und Rinde decken. Daher bietet die Beweidung mit einer Ziegenherde eine sowohl kosteneffiziente als auch umweltverträgliche Art der Beseitigung von unerwünschten Pflanzenarten. Sie können Gestrüpp und Verbuschungen schnell beseitigen und eignen sich besonders für die Pflege verbuschter Magerrasen.

Auch zur Reduzierung von Gehölzen oder zur Kontrolle von unerwünschten Arten, beispielsweise Neophyten, bewährt sich die Beweidung mit Ziegen. Besonders auf abwechslungsreichen Standorten, die dem ursprünglichen Lebensraum von Ziegen ähneln, bieten sich Ziegen als Weidetiere an. Klettermöglichkeiten wie Steilhänge oder Felsen werden gerne von ihnen angenommen und unwegsame Gelände mit abgelegenen und verwilderten Abschnitten sind für Ziegen kein Hindernis. Ihre Geländegängigkeit, ihre Vielseitigkeit in der Ernährung, ihre Anpassungsfähigkeit und robuste Konstitution sind Eigenschaften, die die Nutzung von Ziegen als Weidetiere in vielen Teilen der Welt ermöglichen.

Ziegenhaltung gestern und heute

Ziegen und Schafe gehörten zu den ersten Wildtieren die vor etwa 10.000 Jahren durch den Menschen domestiziert wurden. Die Ziege bot dem Menschen damit vielfältige Ressourcen, in erster Linie Fleisch. Ziegenhäute, die weicher und fester sind als Schafhäute, wurden zu Gefäßen und Kleidung verarbeitet. Die Milch von Ziegen war leichter zugänglich als die von Rindern und ebenso ein wertvolles Nahrungsmittel. Darüber hinaus wurden Haare, Fett, Knochen, Hörner und Dung von Ziegen genutzt.

Das neugierige – und im Vergleich zum Schaf weniger ängstliche – Verhalten der Ziege, ihre Anpassungsfähigkeit an alle Biotope und auch an andere Haustierarten begünstigten die Entwicklung ihrer Haltung und Zucht. In der neueren Geschichte war die Ziege als „das Vieh der kleinen Leute“ oder „die Kuh des kleinen Mannes“ bekannt. Sie wurde vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zur Eigenversorgung gehalten und diente ebenso als Einkommensquelle.

Heute erlebt die Ziegenhaltung eine Renaissance, sie bietet für den landwirtschaftlichen Haupt- und Nebenerwerb viele Möglichkeiten. Sie dient zur Erzeugung und Vermarktung hochwertiger Nahrungsmittel, Ziegenmilch und -käse werden immer beliebter. Ziegenfleisch gilt als schmackhafte Spezialität mit hohen Gehalten an Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen und gleichzeitig wenig Fett und Cholesterin. Auch im Hobbybereich ist die Ziege als Haustier verbreitet, was in ihren Wesenszügen wie Neugierde, Erkundungs- und Kletterfreudigkeit begründet sein mag. Weidehaltung ist in jedem Falle die artgerechteste Haltungsform für Ziegen, hierbei sind einzelne Weideflächen als Koppeln durch hütesichere und gleichzeitig wolfsabweisende Zäune zu begrenzen.

Traditionell wurden Ziegenherden von Hirtinnen und Hirten gehütet. Sie verbrachten die meiste Zeit, teils auch nachts, bei den Tieren und schützten so ihre Herde. Es entstand ein Traditionsberuf, der sich durch eine besondere Nähe zwischen Mensch und Tier auszeichnete. Die Arbeit war jedoch schwer und schlecht bezahlt, so dass heute der Hirtenberuf fast ausgestorben ist.

Besonders unter der Anwesenheit des Wolfes im Hochgebirge, wird die Behirtung wieder gefordert. Moderne Hirtinnen und Hirten sind dabei in der Regel zusätzlich zu anderen Herdenschutzmaßnahmen bei der Herde. Sie sorgen dafür, dass die eingerichteten Herdenschutzmaßnahmen bestmöglich funktionieren. Die bloße menschliche Anwesenheit hilft beim Herdenschutz, genügt aber nicht allein. Die Kombination von mehreren Herdenschutzmaßnahmen ist überall, wo Ziegen auf Weideflächen gehalten werden, zu empfehlen.