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Tier

Extrawurst: Innovative Schlachtverfahren

Extrawurst: Innovative Schlachtverfahren

Im Rahmen des Projekts "Innovative Schlachtverfahren" wird erprobt, inwieweit ein Schlachtmobil Fortschritte bei der tiergerechteren Schlachtung und der Fleischqualit├Ąt sowie beim Arbeitsschutz bringen k├Ânnte.

Die EU-Hygieneverordnung f├╝r Lebensmittel tierischen Ursprungs schreibt vor, dass Schlachttiere lebend in einen EU-zugelassenen Schlachtbetrieb verbracht werden m├╝ssen. Ausnahmen von dieser Vorschrift gelten lediglich f├╝r die Schlachtung von Farmwild und Bisons oder f├╝r Not- und Hausschlachtungen.

Auch Weideschlachtungen von Rindern, bei denen die Tiere durch einen kontrollierten Kopfschuss aus geringer Entfernung direkt auf der Weide get├Âtet werden, bilden nach deutschem Recht ┬╣ eine Ausnahme. Insbesondere bei der extensiven Fleischrinderhaltung, bei der die Tiere das ganze Jahr ├╝ber auf der Weide gehalten werden und den Umgang mit dem Menschen kaum gewohnt sind, hat diese Methode gro├če Vorteile: Sie erspart den Rindern Stress, weil der Transport des lebenden Tieres zur Schlachterei entf├Ąllt. Dar├╝ber hinaus werden Arbeitsunf├Ąlle vermieden und auch die Fleischqualit├Ąt wird positiv beeinflusst.

Landwirte, die eine Ausnahmegenehmigung zur Weideschlachtung erhalten wollen, m├╝ssen sicherstellen, dass ihre Tiere ganzj├Ąhrig im Freien gehalten werden. Doch was geschieht mit den Rindern, die ÔÇô neben dem Aufenthalt auf der Weide ÔÇô auch ab und zu im Stall untergebracht sind? K├Ânnte man ihnen den stressigen Transport zur Schlachterei nicht auch ersparen, sie in vertrauter Umgebung bet├Ąuben und t├Âten und lediglich die Verarbeitung des Schlachtk├Ârpers im Schlachtbetrieb vornehmen? Inwieweit ist der Einsatz einer mobilen Technik realistisch, die ein stressfreies Schlachten gestattet und gleichzeitig alle gesetzlichen Vorgaben erf├╝llt? Wie w├Ąre es, wenn der Schlachter zum Rind k├Ąme und nicht das Rind zum Schlachter?

Das Projekt "Innovative Schlachtverfahren"

Mit allen diesen Fragen befasst sich eine Gruppe aus Hessen im Rahmen eines Projektes der Europ├Ąischen Innovationspartnerschaft landwirtschaftliche Produktivit├Ąt und Nachhaltigkeit (EIP Agri). Sie entwickelt eine teilmobile Schlachteinheit, die es erlaubt, dass der Schlachter zum Rind kommen kann. R├Ąumlich gesehen findet ein Teil des Schlachtprozesses (Fixieren, Bet├Ąuben und Entbluten des Tieres) auf dem Betrieb des Tierhalters statt, rechtlich gesehen jedoch unter der Gesamtverantwortung des Schlachtunternehmers und mit Hilfe einer EU-zugelassenen mobilen Schlachteinheit.

Landwirte, Schlachter, Anlagenbauer und Direktvermarkter arbeiten in der Operationellen Gruppe "Extrawurst" des Projektes "Innovative Schlachtverfahren - St├Ąrkung der handwerklichen Fleischverarbeitung und regionalen Fleischvermarktung in Hessen durch Innovationen in den Schlachtverfahren f├╝r Rinder und kleine Wiederk├Ąuer" eng zusammen.

Das Projekt startete im Januar 2017 und wird bis Ende 2019 gef├Ârdert. Es beinhaltet die technische Entwicklung einer mobilen Schlachteinheit, die EU-Zulassung dieser Einheit als Erweiterungszulassung der beiden beteiligten Schlachtunternehmen sowie das Durchf├╝hren von Probeschlachtungen. Dar├╝ber hinaus wird ├╝berpr├╝ft, ob alle rechtlichen Vorgaben - insbesondere der Tierschutz-Schlachtverordnung - eingehalten werden k├Ânnen. Weiterer Teil des Projektes ist das Erstellen einer Leitlinie. Als Ergebnis des Dialoges mit der Veterin├Ąrbeh├Ârde soll sie "Leitplanken" f├╝r die Voraussetzungen und die Prozesse des teilmobilen Schlachtens geben und damit die Akzeptanz dieses Verfahrens m├Âglichst bundesweit erleichtern.


Video zum Projekt "Innovative Schlachtverfahren"

Wie kann man Tieren den Stress beim Transport zur Schlachtung ersparen? Das Projekt "Innovative Schlachtverfahren" - auch Extrawurst genannt - hat daf├╝r eine L├Âsung entwickelt. Quelle: Deutsche Vernetzungsstelle L├Ąndliche R├Ąume (DVS)


Die gr├Â├čten Herausforderungen einer teilmobilen Schlachtung

Die teilmobile Schlachtung wird als gewerbliche Standardschlachtung betrachtet und muss den Vorgaben der EU-Tierschutz-Schlachtverordnung 1099/2009, der nationalen Tierschutz-Schlachtverordnung sowie der EU-Hygieneverordnung 853/2004 entsprechen. Dazu z├Ąhlen die Fixierung des Rindes, die Bet├Ąubung durch Bolzenschuss, das lebende Verbringen des Tieres in die Schlachtst├Ątte, das Entbluten des Tieres innerhalb von 60 Sekunden nach der Bet├Ąubung sowie das Auffangen des Blutes und dessen ordnungsgem├Ą├če Entsorgung.

Eine der gr├Â├čten Herausforderungen f├╝r die Operationelle Gruppe "Extrawurst" war es deshalb, einen rechtskonformen Weg f├╝r die teilmobile Schlachtung zu finden. Um dies sicherzustellen, standen die Akteure im st├Ąndigen Dialog mit der Veterin├Ąrverwaltung, die f├╝r die EU-Zulassung der Schlachtbetriebe zust├Ąndig ist.

Es bedurfte einiger technischer Weiterentwicklungen, bis der Prototyp des Schlachtmobils fertig konstruiert war - ein gro├čer, stra├čentauglicher Anh├Ąnger mit W├Ąnden, Decke und Boden, der mit einem Seilzug, einer Blutauffangwanne und einem Waschbecken ausgestattet ist.

In der Praxis funktioniert das teilmobile Schlachten wie folgt:

  1. Der Schlachtunternehmer kommt mit der EU-zugelassenen, teilmobilen Schlachtst├Ątte auf den Hof. Der Landwirt stellt den Fixier- und Bet├Ąubungsstand bereit.
  2. Das zu schlachtende Tier wird auf dem Hof des Landwirts in einen mobilen Bet├Ąubungsstand gef├╝hrt und dort fixiert. Das Tier kennt diesen Stand zum Beispiel von Behandlungen oder das Einf├╝hren von Ohrmarken. Au├čerdem beh├Ąlt es den Blickkontakt mit der Herde. Ein professioneller Schlachter bet├Ąubt das Tier mit einem Bolzenschuss.
  3. Das bet├Ąubte und zusammengebrochene Tier wird mit Hilfe einer Seilwinde in die teilmobile Schlachteinheit verbracht und dort innerhalb von 60 Sekunden m├Âglichst durch Bruststich get├Âtet.
  4. Auch nach dem T├Âten muss es schnell gehen, damit der Schlachtk├Ârper innerhalb der n├Ąchsten 60 Minuten ausgeweidet werden kann. Da das weitere Ausnehmen, Enth├Ąuten und Zerteilen nach den Vorschriften f├╝r eine gewerbliche Standardschlachtung grunds├Ątzlich innerhalb der R├Ąume eines zugelassenen Schlachthofes zu erfolgen hat, muss der Schlachtk├Ârper z├╝gig zum station├Ąren Teil des Schlachthofes transportiert werden.

Der gesamte Prozess, f├╝r den der Schlachtunternehmer die Verantwortung tr├Ągt, wird von einem Amtstierarzt ├╝berwacht. Dar├╝ber hinaus werden die Fixiereinrichtungen (Bet├Ąubungsstand) des landwirtschaftlichen Betriebes vor der Schlachtung von der Veterin├Ąrbeh├Ârde auf ihre Funktionsf├Ąhigkeit gepr├╝ft.

Erste Probeschlachtungen erfolgreich verlaufen

Mittlerweile hat die im Projekt entwickelte teilmobile Schlachteinheit in Witzenhausen (Gut Fahrenbach) und in Bad Vilbel (Gronauer Hof der Gerty-Strohm-Stiftung) ihre Feuerprobe bestanden, so dass das Projekt "Extrawurst" auch der interessierten ├ľffentlichkeit vorgestellt werden konnte.

Nun geht es darum, die Leitlinie zu entwickeln, welche die gute fachliche Praxis des neuen Verfahrens beschreibt und die f├╝r den Tierschutz relevanten Faktoren festlegt.

Die Leitlinie soll folgende Aspekte beinhalten:

- die Voraussetzungen einer teilmobilen Schlachtung,

- die Beschreibung des Prozesses (Fixieren, Bet├Ąuben, Entbluten/T├Âten und Transport zum station├Ąren  Teil des Schlachtbetriebe),

- die Kontrolle und Dokumentation.

Die Leitlinie soll bundesweit kommuniziert werden und sp├Ąter ├╝ber den Verband der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung erh├Ąltlich sein.

Wettbewerbsvorteil f├╝r kleinere Betriebe

F├╝r kleine Schlachtbetriebe, Rinderhalter und Direktvermarkter k├Ânnten sich mit Hilfe des teilmobilen Schlachtens neue Absatzm├Ąrkte ├Âffnen. Denn immer mehr Verbraucher interessieren sich f├╝r das Tierwohl und reagieren sensibel auf Themen wie den Transport und die Schlachtung von Tieren. Und so mancher Konsument ist auch bereit, f├╝r tiergerecht erzeugtes Fleisch mehr zu zahlen. Nicht nur deshalb sucht die Operationelle Gruppe "Extrawurst" nach M├Âglichkeiten, die teilmobile Schlachtung nicht nur bei Rindern, sondern auch Schafen und Ziegen anzuwenden.

Im Rahmen der bundesweiten ├ľko-Feldtage, die in der Zeit vom 3. bis 4. Juli 2019 auf der Hessischen Staatsdom├Ąne Frankenhausen in 34393 Grebenstein stattfinden, kann das Schlachtmobil bald von interessierten Landwirten in Augenschein genommen werden.

Quellen:

┬╣  Bundesministerium der Justiz und f├╝r Verbraucherschutz. Bundesamt f├╝r Justiz: Verordnung ├╝ber Anforderungen an die Hygiene beim Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von bestimmten Lebensmitteln tierischen Ursprungs (Tierische Lebensmittel-Hygieneverordnung - Tier-LMHV), ┬ž 12 Schlachtungen au├čerhalb eines Schlachthofes (https://www.gesetze-im-internet.de/tier-lmhv/__12.html)

┬▓  Fink-Ke├čler, A. (2019): M├╝ndliche Mitteilung.

┬│  M├╝ller,H.J., Trampenau, L. und A. Fink-Ke├čler (2019): Stressarmes Schlachten im Haltungsbetrieb ÔÇô ein Update. Der Kritische Agrarbericht 2019, S. 267-268.

Assoziierte Partner des Projekts "Extrawurst" sind die Universit├Ąt Kassel, die Veterin├Ąrfachberatung, die ├ľkomodellregion Nordhessen, der Kreisbauernverband Werra-Mei├čner-Kreis, der Bioland-Landesverband Hessen und die Gerty-Strohm-Stiftung. Lead-Partner dieses EIP-Projektes ist das Netzwerk "Die Landforscher".

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