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Tier

Wirtschaftlichkeit der Immunokastration

Wirtschaftlichkeit der Immunokastration

Die Immunokastration ist tierschonend und wirtschaftlich. Höhere Leistungen und bessere Futterverwertung kompensieren die zusätzlichen Kosten der Impfungen.

Die Immunokastration schneidet im Vergleich zu anderen Alternativen der Ferkelkastration ökonomisch besser ab, sowohl für die Ferkelerzeuger als auch für die Mäster. Zu diesem Ergebnis kommt das Thünen Working Paper 110 „Wirtschaftlichkeit der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration – Aktualisierung und Erweiterung der betriebswirtschaftlichen Berechnungen“ des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft in Braunschweig.

Die Berechnungsgrundlage

Im ersten Schritt wurde eine Referenzsituation (Baseline) definiert, die auf den Daten von neun typischen schweinehaltenden Betrieben basiert. Diese Betriebe wenden die derzeit übliche betäubungslose Kastration männlicher Ferkel mit postoperativer Schmerzbehandlung an und spiegeln den Stand der guten landwirtschaftlichen Praxis wider. Die Betriebe unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bestandsgrößen und ihrer Produktionsrichtungen (spezialisierte Ferkelproduktion bzw. Schweinemast) voneinander. Die Eigenschaften dieses Querschnitts der deutschen Schweineproduktion sind in Tabelle 1 und 2 zusammengefasst. Sie beziehen sich auf das Kalenderjahr 2017 und stammen aus dem Netzwerk agri benchmark Pig.

Tabelle 1 Kennzahlen der Referenzbetriebe der Sauenhaltung

Tabelle 2 Kennzahlen der Referenzbetriebe der Schweinemast

Anmerkung: Die angegebenen Betriebsnamen setzen sich wie folgt zusammen: Land_Zahl der produktiven Sauen_Zahl der verkauften Mastschweine je Jahr.

Auf Grundlage der Referenzsituation wurden die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Umstellung auf Jungebermast mit Immunokastration berechnet. Dabei werden die Ferkelerzeugung und Schweinemast getrennt voneinander betrachtet.

Broschüre: Broschüre: Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration
Dokumenttyp: PDF Dokumentgröße: 2 MB

Broschüre Beschreibung:

Schweinehaltende Betriebe müssen ab dem 1. Januar 2021 eine der vier zur Verfügung stehenden Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration anwenden. Die 40-seitige Broschüre informiert über Vor- und Nachteile der Alternativmethoden, erläutert die betrieblichen Voraussetzungen und bewertet sie ökonomisch.

Marginale Auswirkungen auf die Ferkelerzeugung

Bei der Jungebermast mit Immunokastration ist kein chirurgischer Eingriff am Tier erforderlich. Der Verzicht auf die Kastration und der Verkauf von intakten Eberferkeln an die Mäster führt zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Sauenhalter (siehe Tabelle 3). Die Prozessänderungen in der Ferkelerzeugung für die Jungebermast ohne und mit Immunokastration sind gleich, da in beiden Fällen intakte Eberferkel verkauft werden.

Die Ferkelverluste während der Säugezeit sind aufgrund der ausbleibenden Kastration und weniger Stress geringer. Während der Aufzucht sind die Ferkelverluste hingegen erhöht, was auf das unruhigere Verhalten hormonell intakter Ferkel zurückzuführen ist.

Durch die entfallende Kastration entsteht eine Zeitersparnis von 0,95 Minuten pro männlichem Ferkel im Vergleich zur Referenzsituation (mit Kastration). Diese Ersparnis wird jedoch durch einen erhöhten Zeitaufwand zur Ferkelselektion zur getrennt-geschlechtlichen Aufstallung von 0,37 Minuten pro männlichem Ferkel teilweise wieder aufgehoben. Die Tiere sollten getrennt-geschlechtlich aufgestallt werden, damit die Impfungen schnell durchgeführt werden können.

Tabelle 3 Auswirkungen der Jungebermast auf Ferkelerzeuger

Veränderungen in der Schweinemast

Durch die homogene Gruppenzusammensetzung bei getrennt-geschlechtlicher Aufstallung verringern sich die Tierverluste während der Mast. Bis zur Verabreichung der zweiten Impfung etwa vier Wochen vor der Schlachtung werden intakte Eber gemästet. Diese weisen ein höheres biologisches Leistungspotenzial als Kastraten auf: Futteraufnahme, -verwertung und Tageszunahmen werden positiv beeinflusst. Durch einen erhöhten Knochenanteil ist die Ausschlachtung verringert, bei erhöhtem Magerfleischanteil. Aufgrund der höheren Tageszunahmen verringert sich die Mastdauer bei gleichbleibendem Mastendgewicht und die Anzahl der Durchgänge wird erhöht (siehe Tabelle 4).

Die Umstellung auf Jungebermast mit Immunokastration führt auf den betrachteten Betrieben zu leichten Mehrkosten aufgrund der Kosten für die Impfungen. Die Erhöhung der Durchgänge und die damit steigende Anzahl der produzierten Tiere führt dazu, dass sich trotz erhöhter Gesamtkosten aufgrund der Mehrerlöse auch das Betriebseinkommen auf Gesamtbetriebsebene erhöht. Die zusätzlichen Kosten der Impfung werden durch die höhere Leistung und die bessere Futterverwertung der Tiere kompensiert.

Tabelle 4 Prozessänderungen in der Jungebermast mit Immunokastration

Impfung gegen Ebergeruch mittelfristig rentabel

Alle im Bericht betrachteten Betrieb sind mit der Immunokastration mittelfristig genauso rentabel wie in der Referenzsituation. Aufgrund er Kombination mit anderen Betriebszweigen unterscheidet sich das Wirtschaftlichkeitsniveau auf Gesamtbetriebsebene jedoch erheblich. Der Gewinn erhöht sich in allen Betrieben durch den Einsatz der Immunokastration (siehe Tabelle 5).

Tabelle 5 Gewinn und Gewinnänderungen in der Schweinemast in Euro und Prozent

Die Vollkosten je Schwein sinken im Mittel bei gleichbleibendem Erlösniveau. Die langfristige Wirtschaftlichkeit verbessert sich durch die Immunokastration, der Einfluss ist aber gering (siehe Tabelle 6). Der Unterschied zwischen Jungebermast und Immunokastration ist gering, die Immunokastration schneidet jedoch bei vier der fünf betrachteten Betrieben besser ab. 

Tabelle 6 Veränderung der langfristigen Wirtschaftlichkeit der Jungebermast im Vergleich zur Referenzsituation in Euro pro 100 Kilogramm Schlachtgewicht

Dritte Impfung und Eberpreismaske verschlechtern Ergebnis

In weiteren Wirtschaftlichkeitsberechnungen wurden die Auswirkungen von Prozessveränderungen bei der Immunokastration betrachtet:

  • Wird die Impfung gegen Ebergeruch drei- statt zweimal durchgeführt, sind die dadurch entstehenden Kosten so hoch, dass sie nicht mehr durch das höhere Leistungspotenzial der Tiere kompensiert werden.
  • Auch die Abrechnung der Immunokastraten nach Eberpreismaske verschlechtert die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens.
  • Positiv wird sich erfahrungsgemäß das Auslaufen des Patents für Impovac auswirken, es wird mit sinkenden Kosten für den Impfstoff gerechnet. Würde der Preis um 55 % sinken und würden die Immunokastraten nicht nach Eberpreismaske abgerechnet, wäre die Jungebermast mit Immunokastration das wirtschaftlichste Verfahren für alle betrachteten Betriebe.

Die Ergebnisse dieser Variationsrechnungen sind in der nachfolgenden Tabelle 7 dargestellt. Angegeben wird der erforderliche Mehrerlös in EUR pro 100 kg Schlachtgewicht, der benötigt wird, um das Ergebnis des Referenzszenarios (betäubungslose Kastration mit postoperativer Schmerzbehandlung) zu erreichen. Negative Werte bedeuten, dass sich die Wirtschaftlichkeit erhöht, positive Werte stehen für eine Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit.

Tabelle 7 Variationsrechnungen zum erforderlichen Mehrerlös zur Erreichung der Referenzsituation in Euro je 100 Kilogramm Schlachtgewicht

Fazit

1. Die Kosten der Immunokastration werden durch die höhere Leistung der Tiere und eine bessere Futterverwertung kompensiert. Damit ist die Immunokastration in den meisten Betrieben langfristig rentabel. 

2. Das Auslaufen des Impfstoffpatents und die damit einhergehende erwartete Preissenkung würden die Wirtschaftlichkeit der Immunokastration verbessern.

3. Ferkelerzeuger und Mäster müssen vor dem Umstieg auf die Immunokastration sicherstellen, dass die geimpften Schweine vom Schlachthof abgenommen werden.

4. Die Abrechnung der Immunokastraten nach Kastratenmaske ist ein wichtiger Einflussfaktor auf die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens. Eine Branchenvereinbarung könnte Planungssicherheit bieten.

Ausblick

Derzeit läuft das 100.000 Eber-Projekt mit Immunokastraten, das vier norddeutsche Landesbauernverbände im Herbst 2019 entwickelt haben. Die Schweinemäster, die an dem Projekt teilnehmen, bekommen vom Impfstoffhersteller einen Zuschuss von einem Euro für jeden geimpften Eber. Einige große deutsche Schlachtunternehmen beteiligen sich am Projekt und schlachten die Immunokastraten als Testdurchgang, um die Fleischqualität und Vermarktbarkeit zu prüfen. Ein Teil der Schlachtunternehmen berechnet den Schweinemästern einen Abzug von 0,03 €/kg Schlachtgewicht für die Geruchsdetektion. Während die meisten deutschen Schlachtunternehmen die Geruchskontrolle am Schlachtband für unabdingbar halten, wird in anderen Staaten nur in Verdachts- und Ausnahmefällen, zum Beispiel bei sichtbaren „Impfversagern“ mit großen Hoden, auf Ebergeruch kontrolliert. Der entgangene Erlös ist in etwa so hoch wie die Kosten der Impfung und verdoppelt damit die Verfahrenskosten.

Derzeit ist noch offen, zu welchen Bedingungen die geimpften Eber nach Projektende bezahlt werden. Dabei hat die Bezahlung - nach Ebermaske und mit Abschlägen für die Geruchsdetektion oder nach Kastratenmaske ohne Abschläge - deutliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens.

Poster: Jungebermast mit Immunokastration

Das Poster gibt einen Überblick über die wichtigsten Schritte zur erfolgreichen Umsetzung der Jungebermast mit Immunokastration.

Zum Poster

Weitere Informationen

Seiten-Titel: Basisartikel Immunokastration

Seiten-Beschreibung:

Die Immunokastration ist neben der Jungebermast eine weitere Alternative zur chirurgischen Ferkelkastration.

Seiten-Titel: Einsatz der Immunokastration international

Seiten-Beschreibung:

Die Verbreitung der Immunokastration zur Unterdrückung des Geschlechtsgeruchs bei Ebern hat eine hohe Schwankungsbreite in Europa. Dabei spielen Traditionen ebenso eine Rolle wie Vorbehalte von Seiten der fleischverarbeitenden Industrie. Vorreiter in Sachen Impfung gegen Ebergeruch in Europa ist Belgien.

Seiten-Titel: Betriebsreportage Immunokastration

Seiten-Beschreibung:

Ein kleiner Pieks und schon ist es vorbei mit der Männlichkeit und dem unangenehmen Geruch. Doch ganz so einfach ist sie nicht, die Impfmethode mit dem Mittel Improvac. Aber Landwirt Christian Hain (37) schätzt die Vorteile dieser tierschonenden Methode.