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Bundeszentrum Weidetiere & Wolf

Weidetiere und Wolf

Weidetiere und Wolf – ein konfliktbehaftetes Spannungsfeld

Weidehaltung ist eine ursprüngliche, nachhaltige und tiergerechte Form der Landwirtschaft. Vor allem die Landschaftspflege durch Beweidung trägt wesentlich zu Artenvielfalt und Klimaschutz bei. Weidetiere gehören in die Kulturlandschaft, ebenso wie das Wildtier Wolf. Herdenschutz vor Wolfsübergriffen stellt Weidetierhaltende vor große Herausforderungen.

Inhalt

Weidetiere in Deutschland - ein Überblick

Als Weidetiere werden eine Vielzahl unterschiedlicher Nutztierarten bezeichnet. In Deutschland werden Schafe, Ziegen, verschiedene Gehegewildarten, Rinder und Pferde als auch Neuweltkameliden auf Weiden gehalten. Die Weidetierhaltung gilt als eine tiergerechte und naturnahe Nutztierhaltungsform.

Ob ganzjähriger oder saisonaler Weidegang in Frage kommt, ob Milch- oder Fleischprodukte auf der Weide erzeugt werden oder ob Landschaftspflege durch Beweidung der passende Betriebszweig ist, ist dabei immer eine betriebsindividuelle Entscheidung. Wie die Weidetierhaltung und welches Weidesystem betrieben wird, hängt von vielen Faktoren ab: Beispielsweise spielen die zugänglichen Grünlandflächen, die klimatischen Bedingungen und nicht zuletzt die Neigung des weidetierhaltenden Menschen eine Rolle. Insgesamt gesehen orientiert sich die Weidewirtschaft an den vorhandenen Futterwerten der Weiden. So werden Milchkühe eher auf Grünlandstandorten mit hohem Futterwert eingesetzt und Schafe und Ziegen eher zur Pflege von extensiv genutztem Grünland.

Zahlen der schafhaltenden Betriebe zeigen sinkende Tendenz

Ein Blick auf die Ergebnisse der Agrarstrukturerhebung zur Schafhaltung zeigt, dass in Deutschland die Anzahl an gehaltenen Schafen und schafhaltenden Betrieben abnimmt. 2006 wurden in Deutschland rund 2,5 Millionen Schafe in 29.200 Betrieben gezählt, im Jahr 2018 waren es rund 1,56 Millionen Schafe in 9.500 Betrieben.

Im Jahr 2020 lag die Zahl bei rund 1,48 Millionen Schafen, 14% davon wurden in Ökobetrieben gehalten. Die tatsächliche Anzahl an Schafen dürfte höher liegen, denn für die statistische Erhebung gilt seit 2011 eine Tierzahluntergrenze von 20 Tieren. Bestände mit weniger Tieren fließen nicht in die statistische Erhebung ein, Kleinsthaltungen werden also nicht erfasst.

Warum ist Weidetierhaltung eigentlich wichtig?

Aus landwirtschaftlicher Sicht ist die Weidetierhaltung eine Form der Nutztierhaltung, sie ist die ursprünglichste. Der Weidegang der Tiere dient dabei in erster Linie der grundfutterbetonten Tierernährung. Gleichzeitig erfüllt die Weidetierhaltung die hohen gesellschaftlichen Erwartungen an das Tierwohl in der Nutztierhaltung. Lebensmittel aus Weidetierhaltung entsprechen zudem dem Wunsch der Verbraucherinnen und Verbraucher nach naturnah und regional produzierten Lebensmitteln tierischen Ursprungs.

Darüber hinaus hat die Weidetierhaltung und damit die Weidewirtschaft eine große Bedeutung für den Naturschutz: durch Beweidung werden Flächen offengehalten, Verbuschen und Verwalden werden verhindert. Die Beweidung leistet nicht nur einen Beitrag zum Grünlanderhalt und dessen Klimaschutzfunktion als Kohlenstoffspeicher sondern auch zum Erhalt der Artenvielfalt. In Biotopen wie den Moor- und Heidegebieten Norddeutschlands oder den Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb ist dies erkennbar. Landschaftspflege durch Beweidung bedeutet also den Erhalt unserer Kulturlandschaft so wie wir sie kennen.

Unverzichtbar ist Beweidung, vor allem jene mit Schafen und Ziegen, an den Deichen unserer Küsten und Flüsse. Durch die Beweidung werden Schadnager vergrämt, das Wurzelwachstum der Pflanzen gefördert, die Grasnarbe der Deiche intakt gehalten und vor Bodenerosion geschützt. Kleine Wiederkäuer sind als Hochwasser- und Küstenschützer nicht zu ersetzen.

Weidetiere gehören in die Kulturlandschaft

Weidetiere sind touristische Aushängeschilder vieler Regionen Deutschlands, Milchkühe auf bayrischen Almen ebenso wie Heidschnucken in der Lüneburger Heide. Weidetierhaltung trägt also auch ein Stück zur Attraktivität des ländlichen Raums bei, denn sie findet in der Fläche statt, ist für alle Menschen sichtbar und prägt das Bild unserer Agrarlandschaft mit. Gleichsam ist die Weidetierhaltung eine traditionelle Bewirtschaftungsform und ist vielerorts ins regionale Kulturgut eingeflossen. So ist beispielsweise die Süddeutsche Wander- und Hüteschäferei seit 2020 als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Entwicklung der Wolfsterritorien in Deutschland

Wölfe sind zurück in Deutschland. Im Monitoringjahr 2020/2021 wurden in 204 Wolfsterritorien verzeichnet, in 158 davon lebten Wolfsrudel, in 27 Paare und in 19 Einzeltiere. Die Entwicklung der Wolfsterritorien in Deutschland zeigt an, dass die Wolfsbestände weiterwachsen. Dabei sind die Wolfsterritorien regional sehr unterschiedlich verteilt.

Insbesondere Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter sind von den Herausforderungen, die der Umgang mit dem Wolf mit sich bringt, betroffen. Das Bundeszentrum Weidetiere und Wolf trägt dazu bei damit verbundene Konflikte zu mindern. Monitoringmaßnahmen belegen, dass Wölfe anpassungs- und ausbreitungsfähige Wildtiere sind.

Ihre Anzahl wird jährlich in Rudeln, Paaren oder Einzeltieren und ihrem Standort gemäß in Wolfsterritorien erfasst. Der jährlichen Erfassung liegt ein deutschlandweites Monitoringsystem zugrunde. Dabei umfasst ein Monitoringjahr den Zeitraum vom 01. Mai eines Jahres bis zum 30. April des Folgejahres, was dem Reproduktionszyklus eines Wolfes entsprich

Weiterführende Informationen der DBBW

Auswirkungen der Wolfspräsenz auf Weidetierhaltende

Unbestritten ist die Rückkehr des Wolfes als ein Erfolg für den Artenschutz zu werten, dessen hoher Stellenwert in internationalen und europäischen Richtlinien festgeschrieben ist. Wie andere EU-Mitgliedsstaaten ist auch Deutschland verpflichtet, artenschutzrechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Verbreitung des Wolfes zu fördern.

Die unmittelbaren Auswirkungen der Wolfspräsenz betreffen jedoch nicht alle Menschen gleichermaßen. Sie betreffen vor allem Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter, die gezwungen sind, einen für sie umsetzbaren und leistbaren Umgang mit dem Wildtier Wolf zu finden. Dabei stellt der Schutz von Weidetieren vor Wolfsübergriffen große Herausforderungen an Weidetierhaltende. Herdenschutzmaßnahmen sind erforderlich, für die in der bisherigen Weidetierhaltung keine Notwendigkeit bestand.

Herdenschutz - keine leichte Aufgabe

Vor der Rückkehr des Wolfes hielten Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter ihre Tiere in einer eingezäunten Fläche, dessen Zaun die Tiere am ungewollten Austritt aus der Weide hinderte. Die Anforderungen an Zäune haben sich mit der Rückkehr (und der Ausbreitung) des Wolfes geändert. Zu dem Anspruch an Zäune hütesicher zu sein, kommt heute die Anforderung hinzu Wölfe daran zu hindern in eingezäunte Weiden einzudringen. Und somit die Weidetiere vor Wolfsübergriffen zu schützen. Für Praktikerinnen und Praktiker bedeutet das höhere und/oder elektrifizierte Zäune zu bauen, Untergrabe- und/oder Überkletterschutz einzurichten sowie diese Anlagen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Auch andere Herdenschutzmaßnahmen wie der Einsatz von Herdenschutzhunden oder Behirtung sind möglich. Es gilt, ein für den Betrieb passendes und umsetzbares Herdenschutzsystem zu finden und umzusetzen, was aber fachlich sehr anspruchsvoll sein kann. Darüber hinaus bedeutet Herdenschutz eine finanzielle Mehrbelastung, denn die damit einhergehenden Aufgaben erfordern Investitionen und kosten Arbeitszeit.

Informationen zu Herdenschutzmaßnahmen

Warum ist Herdenschutz so wichtig?

Prinzipiell sind alle Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter betroffen, denn in ganz Deutschland kann jederzeit in Wolf auftauchen und eine Bedrohung für Weidetiere darstellen. Auch dort wo noch kein Wolfsterritorium besteht, können plötzlich durchziehende Wölfe auftreten. Treffen Wölfe auf ungeschützte oder unzureichend geschützte wehrlose Weidetiere, können sie leichte Beute für Wölfe werden. Dies trifft besonders auf Schafe und Ziegen zu.

Auch wenn es keine Garantie für einen hundertprozentigen Schutz vor einem Wolfsübergriff gibt, mindern Herdenschutzmaßnahmen die Gefahr eines Wolfsübergriffs maßgeblich und sind unbedingt zu empfehlen. Trotz Herdenschutzmaßnahmen bleibt die Unsicherheit vor einem Übergriff, was die emotionale Belastung der Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter erhöht und Druck aufbaut. Dabei sind für Betroffene nicht allein die tödlichen Verluste ihrer Weidetiere zu verarbeiten. Oft muss auch mit verletzten Tieren, verunsicherten Herden oder Langzeitfolgen, wie beispielsweise Fehlgeburten umgegangen werden. Nicht wenige Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber geben an, dass der Wolf eine zu große zusätzliche Belastung darstellt und über eine Betriebsaufgabe nachgedacht wird.

 

 

Letzte Aktualisierung: 03.06.2022